Ich gebe zu, mit meiner Rezension bin ich etwas spät dran. Immerhin ist das Buch, das Ozzy Osbourne zusammen mit Chris Ayres geschrieben hat, bereits 2012 erschienen. Aber ich habe mich erst jetzt dazu entschieden, es zu lesen und möchte ein paar Gedanken mit euch teilen, die mir dabei gekommen sind.

Warum gerade jetzt? Erstens: Freizeit. Zweitens: Fledermaus essen. Mehr muss ich dazu nicht sagen, oder? Ausgerechnet um die „besinnliche“ Weihnachtszeit herum schlug ich also dieses Buch auf und stellte schnell fest, dass der darin beschriebene Inhalt einen krassen Gegenteil zu dem darstellt, was ich gerade selbst erlebe. In Ozzys Leben gab es eigentlich nie eine Pause. Ständig passierte irgendwas Absurdes. Es ist voller Partys, Konzerte und Tourneen, er trifft seine Idole, tritt im TV auf. Das zu lesen, während man sich selbst von all solchen Dingen zurückhalten muss, ist abwechselnd frustrierend-wehleidig und erfrischend-eskapistisch. Oft las ich aber auch und war dankbar, nicht nur jetzt, sondern nie in einer solchen Situation zu sein. Denn es ist immer wieder zu viel.

Ozzy (rechts) und seine Band Black Sabbath

Ozzy Osbourne, Sänger der Band Black Sabbath, auch „Prince of Darkness“ von Fans und Feinden genannt, ist ein Entertainer mit viel Energie. Er war der Klassenclown, der an ADHS und Legasthenie leidet, es daher nicht leicht in der Schule hatte und das irgendwie ausgleichen muss. Also nimmt er uns und damals all seine Freunde, Familienmitglieder und Fans mit auf einen wilden Ritt, lebt sich kreativ und hedonistisch bis waghalsig aus – bis über die Schmerzgrenze hinaus. Man sitzt da, liest es und fragt sich, wie man derart selbstzerstörerisch handeln kann. Alkohol und Drogen sind von Anfang bis Ende in viel zu hohen Mengen präsent, mit allen unangenehmen Folgen für Gesundheit, Leistungsfähigkeit, berufliches oder soziales Zusammenleben. Haus, Kinder, seine Frau(en), alles wird vernachlässigt für den absoluten Exzess. Zwischenzeitlich ist Ozzys Körper so angegriffen und geschwächt, dass man eine HIV-Infektion vermutet obwohl keine da ist. Man fasst sich an den Kopf. Aber all das passiert doch nicht grundlos – oder doch?!

Es ist die scheinbar typische Rockstar-Geschichte des vergangenen Jahrhunderts: Ein Junge aus armen Verhältnissen wird mit seiner Kunst erfolgreich, da er die nötige Motivation hat und einen neuen Stil bietet, der durch seine Schockwirkung bekannt wird. Sehr schnell bringt dieser Erfolg Druck mit sich, immer zu performen. Er ist plötzlich der Öffentlichkeit und seinem Team, das „das beste aus ihm herausholen will“ ausgeliefert und hat gleichzeitig als Star eine gewisse Narrenfreiheit. Aus der moralischen Erlaubnis, über die Strenge zu schlagen und der gefühlten Notwendigkeit, dies zu tun, um Druck abzulassen, wird eine Abwärtsspirale, die sich über mehrere Jahrzehnte zieht. Die meisten der „Betroffenen“ lernen irgendwann aus ihren Fehlern und werden sogar Befürworter von Abstinenz oder sie schaffen es nicht und sterben als junge Legenden. So cool „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ sein können, manchmal ist es nicht schlecht, dass daraus in diesem Jahrhundert „Veganismus, Helene Fischer und Laktoseintoleranz“ geworden sind, wie manche Memes so frech behaupten. Auch heute verfallen noch viele Stars in Süchte und Co. doch der durchschnittliche Musiker ist geerdeter. Er weiß, was er da tut, achtet auf sich und seine Gesundheit oder das soziale Umfeld. Auch, wenn er oder sie dadurch verweichlicht oder zu glatt wirken können. Immerhin haben sie keine Blackouts während denen sie geistesabwesend einen Mord versuchen wollten!

Nicht alles in Ozzys Leben und seinem wahren „Diary of a Madman“ ist schlecht oder schockierend. Manche Anekdoten sind verrückt, aber noch lustig, da sie keine Grenze überschreiten. In diesen Momenten wünscht man sich dann, dass das eigene Leben auch wieder etwas aufregender wäre. In wieder anderen Zeilen liest man heraus, dass er nur ein einfacher Mann ist, der Humor hat, mit seiner Musik und Bühnenshow einen Nerv getroffen hat und der das Leben einfach nur genießen will, ohne Ärger und Erfolgsdruck. Ein Familienmensch, der nach einer besseren Zukunft gesucht hat als aussichtslose Fließbandarbeit in einer langweiligen Gegend, dann aber in diese Abwärtsspirale des Ruhms gerutscht ist. Besonders hart trifft die Story mit dem Fan, der Suizid begangen hat – woraufhin Black Sabbath und ihren Songtexten die Schuld daran gegeben wird. Ein solcher Vorfall und später der Vorwurf machen auf jeden Fall etwas mit der eigenen Psyche! Nur wusste Ozzy damals nicht, damit umzugehen. Alkohol schien die Lösung. Die Betty Ford Klinik für ein Clubhotel zu halten und nach der Bar zu fragen, ist dann wieder unfreiwillig komisch. So wechselten die Emotionen beim Lesen häufig.

Zu guter Letzt muss ich noch sagen, dass mir als Tierfreund und Vegetarierin einige Szenen gar nicht gut gefallen. Schon angefangen damit, dass Ozzy in seiner Jugend in einer Fleischerei gearbeitet hat und recht genau beschreibt, was dort passiert ist. Man kann es verweichlicht nennen, doch ich finde es gut, dass man heute keine rohen Fleischfetzen und lebenden Tiere mehr auf die Bühne wirft … So ist eine Autobiografie wie diese auch immer wieder eine interessante Reise zurück in andere Zeiten, die zeigt, dass sich doch manches zum Guten verbessert hat. Für meine Heavy Metal Bildung habe ich ebenfalls noch ein bisschen was getan beim Lesen. Nur ging es etwas zu wenig um die Musik. Von der weiß ich nicht viel mehr als vorher. Doch die kann ich jetzt einschalten und damit die guten Seiten des alten Rock’n’Roll erleben.

Photo by Igam Ogam on Unsplash

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